
Im CLUB vom 16. Juni fand ein Talk unter dem Titel Die Schweiz im Schatten des Krieges statt. Einer der Gäste mit Expertenstatus war der Armeeabschaffer Andy Gross. Einmal mehr wurde er seinem Ruf als Nestbeschmutzer und Kritiker der Schweizer Entscheidungsträger während des Zweiten Weltkrieges gerecht. Kein Vertreter der Neutralitätsinititive war eingeladen. Besonderen Spott erntete das Réduit, die riesige Alpenfestung mit leistungsfähigen Präzisionskanonen, grossen Vorratslagern und Unterkünften, in die sich der Kern der Armee auf Befehl von General Guisan zurückgezogen hatte. Gross’ Kritik und Spott liegen ganz auf der Linie des Historikers Jakob Tanner, eines anderen Schweiz-Kritikers. Beide haben die strategische Logik des Réduits nie verstanden.
Oft sind es Ausländer, die die alte Schweiz geschätzt haben und ihre schleichende Abschaffung und Selbstauflösung mit Entsetzen registrieren und die Schweizer wegen ihrer Neutralitätsabschaffung für verrückt halten. Darunter auch Autoren, die eine Lanze für die von unserem Nachkriegs-Establishment kritisierten Bundesräte, Chefbeamten und Generalstabsoffiziere brechen, die uns aus zwei Weltkriegen herausgehalten haben.
Welcher Kontrast zu heute, wo sie’s weder schaffen, wie das kleine Liechtenstein eine behaftbare Schutzklausel bei der Personenfreizügigkeit auszuhandeln, noch Rüstungsgüter ohne Pannen und zu verlässlichen Preisen und Lieferterminen zu beschaffen!
Der 2021 verstorbene, aus Italien eingewanderte, amerikanische Politologe Angelo M. Codevilla hat ein bemerkenswertes Buch über unsere Politik während des Zweiten Weltkriegs geschrieben: BETWEEN THE ALPS AND A HARD PLACE. Unser Land war von zwei im Krieg befindlichen, hochgerüsteten Blöcken eingeschlossen. Beide hätten uns zerstören oder aushungern können: die Achsenmächte im ersten, umschliessenden Kreis, die Alliierten im zweiten, äussern. Strategisches Ziel der Schweiz waren friedliche Vertragsverhältnisse zu beiden Blöcken. Das gelang mit Glück, aber auch, weil beide Blöcke rational tickten, indem sie gegenüber der Schweiz nicht ihre zweifellos gegebene Zerstörungsfähigkeit, sondern ihren Nettonutzen maximierten bzw. ihren Nettoschaden minimierten.
Der maximale Schaden hätte für beide Blöcke in einem Schweizer Militärbündnis mit dem verfeindeten Block bestanden. Deshalb ermöglichten die Amerikaner Schweizer Importe über den Freihafen Lissabon und duldeten Exporte ans Dritte Reich, um die Schweiz nicht in ein Bündnis mit den Achsenmächten zu treiben. Hätten diese ihrerseits die Schweiz angegriffen, hätte sie sofort ein Militärbündnis mit den Alliierten geschlossen. Mit der Folge eines alliierten Brückenkopfes inmitten des Kerngebiets der Achse und des Verlustes aller bisherigen Vorteile der Wirtschaftsbeziehungen mit dem Dritten Reich.
Es bestand bereits ein detaillierter deutscher Angriffsplan für eine Besetzung der Schweiz namens Operation Tannenbaum. Noch fehlte der Angriffsbefehl. Auf dringlichen Rat des Reichskriegswirtschaftsministeriums wurde er abgeblasen. Diese Leute konnten rechnen.
Zur aktuellen Lage: Die Schweiz könnte infanteristisch nur über NATO-Gebiet oder Österreich angegriffen werden. Also ist es vernünftig und naheliegend, für diesen Fall vorsorglich diskrete Absprachen zu treffen. Falls unser Land militärisch angegriffen würde, ergäbe sich von selbst eine Allianz mit anderen Angegriffenen. Daraus zu schliessen, wir müssten bereits in Friedenszeiten proaktiv ein Militärbündnis mit der NATO oder der EU abschliessen, verkennt, dass diese geostrategische Interessen haben, die nicht deckungsgleich mit unseren sind und die sie mit Gewalt, Erpressungen oder Boykotten durchzusetzen pflegen. Wir hingegen wollen nur in Ruhe gelassen werden, mit allen in Frieden leben, freie Kontakte pflegen und ungehindert Handel treiben.
Mit glaubwürdiger Neutralität, die wir aus Dummheit und Schwäche aufgegeben haben, hätten wir nach wie vor gute Chancen, auch dann nicht angegriffen zu werden, wenn sich die NATO im Krieg befindet, was sie verdeckt bereits ist. Von wem sollte die Schweiz denn angegriffen werden, zumal unsere humanitären und guten Dienste von allen geschätzt wurden und werden? Voraussetzung ist allerdings eine Rückkehr zu glaubwürdiger und verlässlicher Neutralität. Nur eine Annahme der Neutralitätsinitiative würde dies gewährleisten.
Markus Eckstein, Goldach
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