Frontstaat Finnland

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An Finnlands Ostgrenze stehen gelbe Schilder, Sperrzonen, Bunker, alte Stellungen – und dahinter Russland. Wer dort steht, versteht plötzlich, was bewaffnete Neutralität für die Schweiz bedeutet.

Mein Auto rumpelt durch die Wälder Kareliens, Richtung Russland. Ohne Rückendeckung durch den finnischen Grenzschutz, der mein Anliegen, die schwer gesicherte Grenze zu besuchen, wegen Kurzfristigkeit abgelehnt hatte. Deshalb endet für mich der Trip kurz vor Russland bei einem Schild: Rajavyöhyke. Grenzzone. Eintritt nur mit Bewilligung. Daneben ein rotes Stop-Zeichen, mehrsprachig, unmissverständlich. Dahinter Wald, Mücken, Sümpfe – und Russland. Finnland hat sämtliche Grenzübergänge an der russischen Landgrenze seit Ende 2023 geschlossen.

Der Winterkrieg

Mit den Russen haben die Finnen keine guten Erfahrungen gemacht: Am 30. November 1939 griff die Sowjetunion Finnland an. Der Winterkrieg dauerte nur gut drei Monate, aber er brannte sich ins nationale Gedächtnis ein. Ein kleines Land stellte sich einer Grossmacht entgegen. Es verlor zwar Teile von Karelien und grosse wirtschaftliche Werte, aber nicht seine Selbstachtung und nicht seine staatliche Existenz. Von diesem Krieg zeugen die alten Unterstände, Laufgräben und Geschütze im Wald, gleich neben der Grenze, die für mich tabu ist. Die Finnen haben aus dem Winterkrieg gelernt: Geschützt ist ein Land nur, wenn Wehrwille, Gelände, Waffen, Munition und eine glaubwürdige Armee vorhanden sind.

Milizarmee im nordischen Extremformat

Auf dem Flughafen Helsinki hatte ich Teile der heutigen Armee gesehen: Etliche junge Männer und Frauen in Tarnuniform auf dem (Flug-) Weg nach Hause oder in den Einsatz. Sie sind Teil der 280 000 Soldaten und der Reserve von fast einer Million Mann. Das ist für ein Land mit rund 5,6 Millionen Einwohnern beachtlich. Finnland hat eine Milizarmee im nordischen Extremformat, wie sie die Schweiz einst hatte. Zurück im Wald vor der russischen Grenze erkenne ich: Wir müssen uns am Vorbild Finnland orientieren: Starke Armee, Massenheer, gute Bewaffnung, Grenze sichern.

Nato-Aussengrenze, EU-Aussengrenze, Schengen-Aussengrenze

Vor 25 Jahren war ich schon einmal hier, an der Grenze zu Russland, damals noch bei offenen Grenzen und ohne Warnschilder.

Doch Russland hat mit dem Angriff auf die Ukraine eines gezeigt: Die Grossen respektieren die Kleinen nur, wenn sie müssen, Völkerrecht hin oder her. Darum hat Finnland seine Neutralität aufgegeben und ist der Nato beigetreten. Es hat nun eine 1340 Kilometer lange Nato-Aussengrenze, EU-Aussengrenze, Schengen-Aussengrenze.

Frontstaat Finnland

Nato statt Neutralität also. Doch wer der Nato beitritt, bekommt zwar den Bündnisfall-Schutz. Damit wurde Finnland aber auch zum nördlichen Vorposten des Nordatlantikpakts. Das Land ist nun Frontstaat, muss seine Grenze scharf bewachen und leidet– angeblich – unter hybriden Angriffen der Russen.

Gerade darum ist Finnland für die Schweiz interessant. Finnland hat seinen Weg gewählt, weil seine Lage, seine Geschichte und die russische Grenze es in diese Richtung drängten. Respekt dafür. Doch die Schweiz ist nicht Finnland. Wir sind nicht Karelien, nicht Baltikum, nicht Flachland an der russischen Grenze.

Strategisches Kapital Neutralität

Unser strategisches Kapital ist ein anderes: Bewaffnete Neutralität, direkte Demokratie, eigene Aussenpolitik und eine Armee, die glaubwürdig sein muss. Die Schweiz darf Rechtsbrüche benennen, humanitär helfen, vermitteln und klar sagen, wer Angreifer ist. Aber sie darf sich nicht schleichend in fremde Bündnisse eintopfen lassen. Wer jedes EU-Sanktionspaket reflexartig übernimmt, Nato-Arbeitsgruppen als Ersatzdiplomatie betrachtet und die Armee politisch ausbluten lässt, ist nicht neutral. Neutralität gibt es nur ganz oder gar nicht.

Die Lehre aus Finnland

Die Lehre aus Finnland lautet daher nicht: Hinein in die Nato! Die Lehre lautet: Heraus aus der sicherheitspolitischen Selbsttäuschung.

Grenzen müssen bewacht werden. Die Armee muss kämpfen können. Die Munition muss vorhanden sein. Der Staat muss wissen, auf welcher Seite er steht: Auf der Seite seiner eigenen Bürger. Für die Schweiz heisst das: Neutralität bleibt nur glaubwürdig, wenn sie bewaffnet, eigenständig und durchsetzungsfähig ist. Eine Neutralität, die in Brüssel um Zustimmung bittet, ist keine Neutralität mehr.

Finnland hat an seiner Ostgrenze gelbe Schilder aufgestellt. Die Schweiz braucht dasselbe im Kopf: Bis hierher und nicht weiter!

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